Tagebuch schreiben
Vor dir liegt eine leere Seite. Bis das Teewasser kocht, hast du zwei Minuten. Du könntest einen Moment festhalten, einem Gedanken folgen oder dir selbst eine Frage hinterlassen. Mit jedem davon kannst du anfangen.
Drei Anfänge für einen erfundenen Dienstag
Um 15 Uhr hast du erfahren, dass eine Besprechung auf Freitag verschoben wurde. Den ganzen Vormittag hattest du eine Zeichnung vorbereitet, die du dort zeigen wolltest. Du hast die Datei geschlossen, Tee gemacht und sie dann wieder geöffnet. Hier sind drei Einträge, die du über diesen einen Nachmittag schreiben könntest.
Ein Satz
Einen Moment festhalten
„Die Besprechung wurde auf Freitag verschoben, und ich war erleichtert, mehr Zeit zu haben, aber enttäuscht, meine Zeichnung wieder weglegen zu müssen.“
- Was der Eintrag festhält
- Ein konkretes Ereignis und zwei Reaktionen darauf. Das reicht, um den Nachmittag später wiederzuerkennen.
- Was er weglässt
- Was auf der Zeichnung zu sehen ist und warum es dir wichtig war, sie zu zeigen. Das kannst du ein andermal ergänzen oder es dabei belassen.
Freies Schreiben
Einem Gedanken folgen
„Jetzt also Freitag. Mehr Zeit für die Ecke, die mir nicht gefällt. Aber ich war bereit, die Zeichnung heute zu zeigen. Oder wollte ich nur mit dem Warten fertig sein? Der Tee ist kalt geworden, während ich die Datei wieder aufgemacht habe. Ich verschiebe immer wieder diese eine Linie. Vielleicht war die Zeichnung heute Morgen schon fertig. Nein, die Ecke stört mich immer noch. Ich wollte, dass jemand anders einen Blick darauf wirft.“
- Was der Eintrag festhält
- Wie sich ein Gedanke bewegt, samt Zögern und Sinneswandel. Die Widersprüche bleiben sichtbar.
- Was er weglässt
- Eine fertige Erklärung. „Ich wollte, dass jemand anders einen Blick darauf wirft“ ist ein Gedanke, auf den du beim Schreiben gekommen bist, kein bewiesener Grund.
Beobachtung und Frage
Etwas offenlassen
„Seit die Besprechung verschoben ist, habe ich die Zeichnung zweimal wieder geöffnet, ohne etwas daran zu ändern.
Was habe ich mir von der Besprechung heute erhofft, was mir eine weitere Stunde Überarbeiten nicht geben wird?“
- Was der Eintrag festhält
- Eine Handlung, die du beschreiben kannst, und eine Frage, die vorerst ruhig unbeantwortet bleiben darf.
- Was er weglässt
- Den Rest des Nachmittags, auch die Erleichterung. Das ist ein enger Ausschnitt, kein vollständiger Bericht über den Tag.
Wähle einen davon. Der längere Eintrag ist nicht die bessere Fassung des kurzen: Er erfüllt eine andere Aufgabe. Mehr als ein Datum und ein Detail, das du später wiedererkennst, brauchst du zum Anfangen vielleicht gar nicht.
Wähle die Form für diesen Eintrag
Du entscheidest nur für heute; auf der nächsten Seite kannst du es anders machen. Es geht um praktische Vor- und Nachteile, nicht darum, was für ein Mensch du bist.
Papier oder Handy
Möchtest du zeichnen, durchstreichen oder Wörter kreuz und quer über die Seite verteilen? Versuch es mit Papier. Überleg dir, wo das Notizbuch liegen soll und wer es aufschlagen könnte.
Möchtest du schreiben, wenn du ohnehin unterwegs bist? Leg auf dem Handy eine Notiz an. Bevor du Privates hineinschreibst, prüf die Einstellungen für Sperre, Konto, Backup und Freigaben.
Geschrieben oder gesprochen
Möchtest du jedes Wort einzeln abwägen? Dann schreib, von Hand oder auf der Tastatur. Ein Bruchstück zählt; daraus muss kein Aufsatz werden.
Möchtest du den Gedanken erst einmal laut aussprechen? Sprich dort, wo dich niemand hört, und halte danach einen Satz schriftlich fest, wenn du später etwas nachlesen möchtest. Wenn du eine Aufnahme- oder Diktierfunktion nutzt, prüf vorher, was sie speichert und wohin sie es schickt.
Frei oder mit Struktur
Hast du schon einen Faden, dem du folgen kannst? Schreib frei. Lass Wiederholungen und halbe Sätze stehen, bis du entscheidest, ob sich Überarbeiten überhaupt lohnt.
Weißt du nicht, wo du einsteigen sollst? Nimm einen kleinen Rahmen zu Hilfe: einen Satz oder eine Beobachtung, gefolgt von einer Frage. Lass ein Feld leer, wenn es nach etwas fragt, das du nicht weißt.
Privat oder zum Zeigen
Schreibst du nur für dich? Stichworte dürfen Stichworte bleiben. Du schuldest niemandem, der das später liest, eine ausgefeilte Geschichte.
Willst du es jemandem zeigen? Mach dir einen eigenen Auszug. Ergänze, was die Person zum Verständnis braucht, nimm unnötige Details über andere heraus und entscheide, welche Teile sie wirklich lesen soll.
Eine erste Seite mit viel Platz
Die Vorlage zum Ausdrucken bietet drei Anfänge zur Auswahl. Such dir einen Bereich aus, lass die anderen beiden frei oder schreib über die ganze Seite. Die Vorlage gibt es nur auf Englisch; die Anfänge hier funktionieren genauso in einem Notizbuch oder in einer Notiz, die du schon nutzt.
- Ein Satz
- Diesen Moment möchte ich festhalten: …
- Freies Schreiben
- Immer wieder denke ich an …
- Beobachtung und Frage
- Was mir aufgefallen ist: … Was ich mich noch frage: …
Erste Tagebuchseite herunterladen (auf Englisch)
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Wann du aufhören kannst
Beim ersten Versuch kannst du aufhören, wenn das Wasser kocht, wenn dein Satz fertig ist oder wenn die Frage noch offen ist. Um das Notizbuch zuzuklappen, brauchst du keine Erkenntnis, keine Lösung und keinen positiven Schluss.
Wenn du merkst, dass du für ein ausgedachtes Publikum an Formulierungen feilst, immer wieder denselben Vorwurf machst oder dich beim Weiterschreiben schlechter fühlst, kannst du aufhören. Du musst dich nicht in ein schwieriges Thema hineinzwingen, damit der Eintrag zählt. Nimm beim nächsten Mal ein alltäglicheres Detail, probier eine andere Form oder leg das Tagebuchschreiben beiseite.
Morgen weiterzuschreiben ist ein Angebot, keine Pflicht. Ein Tag ohne Eintrag muss nicht nachgeholt werden. Wenn du später wiederkommst, fang mit dem an, was du dann festhalten möchtest.
Wenn du ein Gefühl festhalten möchtest
Ein Tagebuch kann eine Idee für eine Skizze, ein Gespräch oder eine Frage aufnehmen, ohne dass du eine Stimmung benennen musst. Wenn du festhalten möchtest, wie du dich fühlst, gibt die kurze Methode für den Stimmungseintrag (auf Englisch) genau dieser Aufgabe eine Struktur. Wenn dir kein Wort einfällt, kannst du im Emotionsraster mit zwei Fragen anfangen: Wie viel Energie hast du, und wie angenehm fühlt sich der Moment an?
Über diese Anfänge
Die International Association for Journal Writing stellt in ihrem Leitfaden für den Einstieg (PDF auf Englisch) verschiedene Methoden des Tagebuchschreibens vor und gibt Hinweise zur Wahl des Schreibmaterials. Er ist der methodische Hintergrund dieser Seite, aber kein Beleg dafür, dass eine bestimmte Form für alle funktioniert.
Der Dienstag, die drei Einträge, die Anmerkungen dazu und die Druckvorlage sind eigene redaktionelle Arbeit von Mental (mehr über uns, auf Englisch). Sie zeigen Möglichkeiten beim Schreiben und sind weder eine Behandlungsmethode noch ein Test dafür, wie gut du dich selbst kennst. Die App Mental ist auf Englisch.